Fastenhirtenbrief 2011 von Erzbischof Dr. Ludwig Schick

Liebe Schwestern und Brüder!
Im nächsten Jahr wird unsere Erzdiözese das 1000-jährige Weihejubiläum des Domes feiern. Schon heute möchte ich Sie auf das Festjahr hinweisen. Höhepunkt wird der 6. Mai sein, an dem vor 1000 Jahren der Dom in Bamberg eingeweiht wurde.
Alle Kirchen aus Stein sind Orte der Begegnung, in denen Jesus Christus seine ‚Kirche aus lebendigen Steinen’ auferbaut. An uns richtet sich die Bitte des 1. Petrusbriefes: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ (1 Petr 2,5).
Zur Zeit wird die Kirche oft und heftig kritisiert. Das tut weh und verunsichert auch viele Katholiken. Deshalb möchte ich Ihnen, in der Vorbereitung auf das Domjubiläum und zum Beginn der Fastenzeit 2011, einige Anregungen geben, über die Kirche aus lebendigen Steinen nachzudenken.
Es ist wichtig, dass alle Getauften sich vergewissern, was Kirche ist und wie sie selbst lebendige Glieder des Volkes Gottes sein können. Denn die Kirche ist immer so lebendig, wie es die einzelnen Gläubigen sind. Jede Kirchenreform muss mit dem Gebet beginnen: Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an! Berechtigter Kritik an der Kirche wollen wir uns stellen, unberechtigte aber auch zurückweisen.

Kirche Jesu Christi
Die Kirche ist die Kirche Jesu Christi. Er hat sie gegründet. Er ist ihr Zentrum, ihr Dreh- und Angelpunkt. Durch die Kirche will Gott die Menschen zum „Leben in Fülle“ führen. Sie wird bis ans Ende der Zeiten bestehen. Auch Skandale und Missstände können sie nicht zerstören. Jesus hat verheißen: „Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (vgl. Mt 16,18). Das musste auch Napoleon Bonaparte (gestorben 1821) einsehen. Nach vergeblichen Versuchen, die Kirche zu unterwerfen, schrieb er in seinen Memoiren: „Die Völker vergehen, die Throne stürzen ein, die Institutionen verschwinden, aber die Kirche bleibt“. In der Kirche begegnet uns Jesus Christus, der unserem Leben Sinn und Ziel, Hoffnung und Kraft gibt.

Kirche des Wortes und der Sakramente
Kirche ist da, wo das Wort Gottes gehört und verwirklicht wird! Kirche ist da, wo die Sakramente in lebendigem Glauben gefeiert werden! Was wäre unser Leben und unsere Gesellschaft ohne die Zehn Gebote, ohne die Seligpreisungen der Bergpredigt, die Gleichnisse vom „Barmherzigen Samariter“ und „Verlorenen Sohn“. Wären wir ohne die Feier der Sakramente der Taufe, der Firmung, der Eucharistie, der Sündenvergebung, der Krankensalbung, der Priesterweihe und Ehe nicht viel ärmer? Der Jesuitenpater Alfred Delp, der von den Nazis umgebracht wurde, schrieb: „Die Kirche muss sich selbst mehr als Sakrament, als Weg und Mittel betrachten“. Entdecken Sie neu die Bibel, vor allem die vier Evangelien und die Sakramente. Sie sind die großen Schätze der Kirche!

Kirche, Gemeinschaft mit Gott und untereinander
In der Kirche erfahren wir Gemeinschaft mit Gott. Die Kirche hält den Himmel offen, damit wir Menschen nicht Gott vergessen und gottlos werden. In der Kirche finden wir aber auch Menschen, mit denen wir sprechen können, die verlässlich sind, die Hilfe anbieten, wenn Not am Mann ist, mit denen wir etwas für das Wohl der anderen unternehmen und mit denen wir feiern können. Kirche schenkt Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Das ist ein großer Mehrwert für unser Leben und unsere Gesellschaft.

Kirche schenkt Glaube, Hoffnung und Liebe
Die Kirche stärkt den Glauben an den guten Vatergott; der Glaube gibt Hoffnung und entzündet die Liebe. Aus Glaube, Hoffnung und Liebe wird uns Friede und Freude zuteil. Der Friede von Gott gibt innere Geborgenheit, Heimat und Zuversicht. Die christliche Freude kommt aus dem Vertrauen auf den guten Vater im Himmel, der unser Leben lenkt und leitet, auch dann, wenn menschlich scheinbar nichts mehr geht und alles aussichtslos erscheint. Entdecken Sie wieder neu den Frieden und die Freude aus dem Glauben der Kirche!

Kirche ist Instrument der Liebe Christi
Christen wissen sich von Gott geliebt, betrachten sich als seine auserwählten Heiligen (vgl. Kol 3,12). Diese Liebe geben sie weiter an jeden Nächsten. Deshalb setzen sie sich in der eigenen Familie, der Nachbarschaft und weltweit für das Wohl der Mitmenschen ein. Die Kirche ist das größte Reservoir für Ehrenamtliche, das bestätigen alle Umfragen und Statistiken. Das Erzbistum Bamberg unterhält über 330 Kindertagesstätten und acht Schulen. Unsere Caritas ist Trägerin von 32 Seniorenheimen, drei Hospizen sowie von vielen Hilfe- und Beratungseinrichtungen in allen Notlagen, insgesamt sind es 840. Unsere Kirche leistet für das Gemeinwohl einen großen und wichtigen Beitrag.

Kirche ist Gemeinschaft der Buße und Umkehr
Das Evangelium beginnt mit dem Ruf Jesu: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Buße und Umkehr müssen wieder mehr für uns Christen und die ganze Kirche zur Selbstverständlichkeit werden. Fehler, Sünden und Schwächen eingestehen, sie bereuen und neu beginnen, muss zum Alltag des christlichen Lebens gehören. Diese Haltung macht die Kirche bescheiden und demütig, heilig und lebensdienlich. Der heilige Franziskus hat bei seiner Erneuerungsbewegung im 13. Jahrhundert einen „Brief an alle Gläubigen“ geschrieben, die er darin „Schwestern und Brüder von der Buße“ nennt. Der fröhliche Heilige aus Assisi wusste, wie es um den Menschen bestellt ist, und dass er nur auf dem Weg des Evangeliums bleibt, wenn er sich immer wieder durch Buße und Umkehr erneuert. Den Bußakt am Anfang jeder Eucharistiefeier, das tägliche „Vergib uns unsere Schuld“ im ‚Vater unser’ und die regelmäßige Beichte müssen wir wieder ernster nehmen als in der Vergangenheit.

Kirche ist die Gemeinschaft aller Getauften
Der verstorbene Bischof Johannes Dyba hat einmal geschrieben: „Das Rückgrat der Kirche ist für mich nicht die Kirchensteuer, sondern der Glaube der Gläubigen“. Die Kirche braucht für die Verkündigung der Frohen Botschaft, für die Feier der Gottesdienste, für die Seelsorge und die karitativen Werke auch den finanziellen Beitrag der Gläubigen durch die Kirchensteuer. Ich danke allen, die zum Unterhalt der Kirche beitragen und bitte, es auch weiterhin zu tun. Aber die Kirche hängt nicht vom Geld ab, sondern von den Gläubigen, die beten, die die Gottesdienste mitfeiern, die ihren Glauben im Alltag bezeugen, zur Kirche stehen und als aktive Christen leben.

Sie, liebe Gläubige, sind das Rückgrat der Kirche!
Christen sind wir und zur Kirche gehören wir durch die Taufe, die unauslöschlich ist. Kirche lebt aus dem Mittun jedes Einzelnen. Im Gericht am Ende des Lebens wird Gott nicht prüfen, was die anderen gut oder schlecht gemacht haben, sondern ‚wie ich mein Christsein gelebt und meine Taufversprechen verwirklicht habe’.

Liebe Mitchristen!
Ich bitte Sie anhand dieser Anregungen, die Sie selber ergänzen können, darüber nachzudenken, wie wertvoll Kirche für Sie selbst und unsere Welt ist. Besinnen Sie sich in dieser Fastenzeit und im kommenden Jahr - vor allem auch im Gespräch mit anderen - auf Ihr Christsein und Ihr Kirchesein. Lassen Sie sich aufbauen zu einer „Kirche aus lebendigen Steinen“.

Ich wünsche Ihnen eine gnadenreiche vorösterliche Bußzeit und segne Sie alle im Namen + des Vaters, + des Sohnes und + des Heiligen Geistes.

Ihr Erzbischof
Dr. Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg