Hostien für den ganzen Süden

Der „Leib Christi“ ist 1,9 bis 2,2 Millimeter dünn und besteht aus Wasser und Weizenmehl. Und doch ist das Backen von Hostien eine Wissenschaft für sich. Hintergründe verrät Schwester Thoma vom Karmelitinnenkloster Erlangen, wo unsere Kuratie die Hostien bezieht.

Wenn Schwester Thoma zur Kommunion geht, dann tut sie dies natürlich in dem Bewusstsein inniger Hingabe zu Gott. Aber unwillkürlich achtet sie auch auf den Geschmack der Hostie. Klebt sie zu sehr am Gaumen? Ist sie auch richtig durchgebacken? Schwester Thoma kennt sich aus. Sie ist die Priorin des Karmelitinnenklosters „Dreifaltigkeit“ im Erlangener Stadtteil Büchenbach, in dem das „heilige Brot“ für Hunderte von Pfarreien in ganz Süddeutschland gebacken wird. Etwa 170 000 Hostien verlassen Woche für Woche das Haus. „Wir beliefern auch Südtirol, Moskau und sporadisch Norwegen“, berichtet die Ordensfrau. Die meisten Kirchengemeinden in derRegion bestellen ihre Hostien in Erlangen. Katholisch wie evangelisch. „Wir backen ökumenisch“, lautet die Devise. Früher, sagt Schwester Thoma, habe man weiße, dünne Oblaten mit Gravur hergestellt, heute seien die braunen, bildlosen Hostien gefragt, die den Charakter des heiligen Brotes besser zum Ausdruck brächten. Wenn die Nonne von früher und heute spricht, dann meint sie die Zeit vor und die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren. Die Karmelitin – einem Leben in Kontemplation, in stiller Einkehr und Besinnung verpflichtet – denkt in anderen Dimensionen. Schlicht und nüchtern wie das Leben der Nonnen ist auch das Gebäude im Westen der Universitätsstadt. Als man es 1969 bezog, war es umgeben von Äckern und Wiesen; inzwischen verschwindet es fast zwischen der engen Wohnbebauung. Viele der neu Hinzugezogenen wissen gar nicht, dass hier ein Kloster steht. Seit eine Schwester ins Pflegeheim nach Höchstadt umsiedeln musste, halten noch vier Ordensfrauen den Betrieb aufrecht. Die Jüngste, Schwester Thoma, wurde 1941 in Norddeutschland geboren, trat 1976 ins Erlangener Karmel ein und ist bislang die Letzte, die blieb. „Ich war hier angekommen. Aber nicht alle können diese Nüchternheit aushalten. Wir wollen kein Wohnzimmerkloster sein“, sagt sie, als wir ihr im Besucherraum gegenüber sitzen. Tisch, Stuhl, Bücherregal – mehr braucht es nicht. Die Wände sind weiß und leer, die Fenster ohne Gardinen. „Als die Wohnhäuser immer näher kamen, haben wir Jalousien einbauen lassen.“ Aber seltsam: Die Stille ist nicht bedrohlich. Schwester Thoma, die uns in ihrer Arbeitskleidung – schwarze Hosen, grauer Pulli, dunkles Kopftuch – empfängt, strahlt übers ganze Gesicht, als sie von den Hostien erzählt, welche die Haupteinnahmequelle für das Kloster darstellen.
Die Bäckerei liegt im Klausurbereich des Klosters. Hier – im Reich von Schwester Pia – brennt oft auch nachts noch Licht. Heute liest sie per Hand Hostien aus, die beim Ausstanzen zerbrochen oder ausgefranst sind. „Die Beschaffenheit der Hostie hängt schon von der Qualität des Weizenmehls ab“, erklärt Schwester Thoma. Die Karmelitinnen beziehen es von der Mühle Litz in Gremsdorf und verarbeiten es in einer Mischung von zwei Drittel Type 550 und einem Drittel Type 405. Auf 7,5 Kilo Mehl kommen zehn Liter Wasser. Die Masse wird maschinell fünf Minuten gerührt und 30 Sekunden geschlagen. Das sämige Ergebnis – „etwas dicker als Pfannkuchenteig“ – muss noch durch ein Sieb gestrichen werden, bevor es in die Backmaschine wandert.
Diese ist der ganze Stolz der Krmelitinnen. Anfang der siebziger Jahre haben sie ihre alten Backeisen ausrangiert und in die Mission geschickt und eine zur Hostienherstellung umgerüstete Plätzchenbackmaschine erworben. „Für 52 000 Mark – ein Schnäppchen“, sagt Schwester Thoma. Weit und breit gab es kein solches Gerät, das auch heute noch zuverlässig seinen Dienst tut. Über einen Schlauch wird der Teig auf ein Backeisen gepresst und läuft bei 180 bis 195 Grad Celsius durch eine Backofenstraße. Heraus kommen DIN A4 große Platten – heiß und hart –, die auf Holzregale gelegt und über Stunden mit sterilem Wasserdampf bestrahlt werden. „Die Platten müssen feucht sein. Aber nicht zu feucht, sonst hängen sie wie Waschlappen und sind kaputt“, erklärt Schwester Thoma. Aber Pia hat die Sache im Griff, eilt in schwülen Sommernächten schon mal um halb 3 Uhr ins Souterrain, um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Erst dann können die gut durchfeuchteten Platten zu 50 Stück aufgestapelt werden. Daraus stanzen die Schwestern die Hostien mit Durchmessern von drei bis 15 Zentimetern – je nach Bestellung. Schwupp – schon purzeln die runden Brote reihenweise in den Auffangkorb. Fertig? Nein. Abhängig von der Wetterlage dauert die Trocknung der feuchten Hostien noch einmal zwei bis drei Tage. „Vom Zeitpunkt der Bestellung bis zur Auslieferung müssen wir also zwei Wochen einkalkulieren“, rechnet Schwester Thoma vor.
Die Hostienbäckerei haben die Karmelitinnen schon nach dem Krieg an ihrem ersten Standort in Schlüsselau begonnen. Immer mehr Aufträge kamen hinzu, weil einige „Konkurrenten“ das Handwerk aufgaben. Die nächsten Mitbewerber dürften die Karmelitinnen in Rödelmaier bei Neustadt an der Saale (Bistum Würzburg) und die Diakonissen von Neuendettelsau (Landkreis Ansbach) sein. Letztere backen Oblaten, auf Wunsch auch glutenfrei, beziehen ihre Brothostien aber aus Erlangen. Wie es mit dem Karmel in der Universitätsstadt weitergeht? „Wir arbeiten so lange wir können“, sagt Schwester Thoma und hebt den Zeigefinger zum Himmel: „Der Rest ist Chefsache!“ Wenn der Herrgott wolle, dass der Betrieb weiterläuft, werde er’s schon richten. „Und wenn nicht, dann haben wir unsere Aufgabe eben erfüllt.“

Quelle: Fränkischer Tag, Erlangen (Michael Schubert)